Das Projekt „Endlich – Neue Bestattungskultur“

Ein Interview mit dem innofab_ 2021 Gewinner und KickStart@FH-Stipendiat Peter Kessel.

Mit dem Projekt Endlich – Neue Bestattungskultur konnte Peter Kessel beim innofab_ 2021 die Jury überzeugen und wurde zum Sieger unter den Einreichungen aus der TH Wildau gekürt. In unserem Interview erzählt er, wie die Idee zu dem Projekt entstand und welche Rolle Ästhetik bei dem Umgang mit Trauer und Tod spielen kann.

Josephine Jung und Peter Kessel

Lieber Peter, schön, dass du die Zeit für ein gemeinsames Gespräch gefunden hast. Bevor wir in das Gespräch starten, möchte ich dir noch herzlich zum Sieg des innofab_ Ideenwettbewerbs 2021 gratulieren! Zu dir und deiner Idee: Was verbirgt sich hinter dem Namen „Endlich“?

Ziel des Projektes ist es, neue oder alternative Angebote der Bestattungskultur zugänglich zu machen. Das umfasst Orte wie Friedhöfe, Friedwälder oder Almwiesen, auf denen man bestatten kann und Produkte, wie Urnen, Särge, moderne Grabsteine und Trauerobjekte, genauso wie die Dienstleister*innen, die dabei helfen solche Dinge umzusetzen. Seien es Bestattungsdienstleister*innen oder Trauerredner*innen und Florist*innen. Ich habe lange geglaubt, es gibt keine an heutigen Lifestyle angepassten Möglichkeiten und Lösungen auf dem Gebiet der Bestattungskultur, bin dann aber in der Recherche über super viele spannende und sinnvolle Lösungen gestolpert und habe mich dann gefragt: Warum kennen wir die nicht? Warum nutzen wir die nicht? Ich glaube, ein Magazin und ein Marktplatz könnten die Lösung sein, um diese Dinge bekannt zu machen.

Du verfolgst die Idee ja schon seit längerer Zeit. Wie entstand bei dir der Gedanke, neue Räume für den Umgang mit Bestattungskultur, Tod und Trauer zu schaffen? Gab es da einen Triggermoment, in dem du dachtest: „Das muss ich jetzt angehen!“?

Ich bin in einem kleinen Ort in der Nähe von Köln groß geworden, ich würde sagen, da war es liberal-katholisch. Gemeinde und Kirche haben durchaus eine Rolle gespielt. Ich bin selber getauft, bin zur Kommunion gegangen, war Messdiener und Gemeindemitglied. Schon als Kind war ich auf vielen Beerdigungen. Mein älterer Bruder hat nach dem Abitur eine Ausbildung bei einem Bestattungsinstitut begonnen. Das war eine klassische, kaufmännische Ausbildung, weil es den Beruf als Bestatter*in damals so noch nicht gab. Daher war das Thema immer schon präsent, es war immer etwas vollkommen Normales.

Für den Abschluss meines Bachelorstudiums haben ich dann nach einem Thema gesucht, das mein Leben beeinflusst hat und mit dem ich mich unter dem Aspekt des Kommunikationsdesigns auseinandersetzen kann. Dabei bin ich darüber gestolpert, dass ich selbst nicht religiös bin und die Frage aufkam, wie Bestattungen ohne Religiosität funktionieren. Alles, was ich bis zu dem Zeitpunkt rund um Bestattung kannte, war sehr klassisch-katholisch, christlich geprägt. Ich bin davon ausgegangen, dass es keine für mich passenden Lösungen gibt. Friedwald war mir noch bekannt, aber alle anderen Sachen nicht. Und da dachte ich mir, muss ich das recherchieren und bin in der Bachelorarbeit über unglaublich viele Lösungen und Alternativen gestolpert. Und nachdem ich diese Recherche gemacht habe, kam die Frage auf, was ich mit den Ergebnissen machen kann. Da gab es verschiedene Ideen: ein Dokumentarfilm, ein Buchprojekt über Bestattungskultur, ein Concept Store und letztlich die Idee des Online-Marktplatzes und Magazin.


Da kommt natürlich auch die Frage nach dem Namen auf. Wenn wir uns nur den Namen „Endlich“ anschauen, lässt dieser ja schon mehrere Lesarten und Interpretationen zu. Kannst du uns noch mehr über den Namen erzählen?

Für mich ist „Endlich“ ganz offensichtlich bezogen auf die Endlichkeit, auf das Ende des Lebens. Ich wollte gerne einen deutschsprachigen Namen nehmen. Es gibt ganz viel in Richtung Anglizismen oder auch andere Sprachen wie Spanisch oder Französisch, um den Angeboten einen hippen oder bedeutungsschweren Charakter zu geben. Ich habe mich letztlich dazu entschieden, den Namen „Endlich“ zu nehmen, weil es so einfach und naheliegend ist, aber auch viel Interpretationsspielraum mitbringt. Und auch den Begriff „Neue Bestattungskultur“ gibt es so eigentlich nicht. Es geht in die Fragen: Was sind neue Ansätze? Was sind Innovationen? Und es gibt bestimmt auch Dinge, die heute noch „neu“ auf meinem Marktplatz sein können, die sich aber in ein paar Jahren etabliert haben und neuere Dinge rücken nach. Es sollte so ein bisschen den Aspekt mit reinbringen, dass sich da etwas verändern muss und dass sich auch immer etwas verändern wird.

Als Designer hast du ein gutes Gespür für und hohen Anspruch an Ästhetik. Welche Rolle kann die Gestaltung von Trauerstätten und –gegenständen wie Urnen  oder auch die Gestaltung der Räumlichkeiten, in denen Abschied genommen wird, für den eigenen Umgang mit der Trauer spielen?

Wir leben heute in einer Welt, die geprägt ist von globalen Marken, eine Art Angleichung auch im Sinne der Ästhetik. Wenn wir aber auf den Bereich der Bestattungskultur blicken, dann sehen wir sehr schnell, dass die Masse der Produkte eher so 50er, 60er-Jahre-Schick entspricht — „Eiche rustikal“, erdige Farben, altbackene Symbolik wie Dürerhände. Aber ist es das, womit wir uns identifizieren? Oder uns heute umgeben? Es lässt sich über die letzten Jahre und Jahrzehnte beobachten, dass der Trend hingeht zu anonymen und sehr kostengünstigen Bestattungen. Meine Theorie dahinter ist, dass die Leute sich nicht mit den Angeboten identifizieren und deswegen nicht bereit sind, Geld dafür auszugeben. Geld an sich ist hier aber nicht das Problem: Wir machen geliebten Menschen ja auch teure Geschenke. Und am Ende gibt es auch spannende kostengünstige Bestattungen. Aber dieser Trend dahinter, dass es billiger wird, dass es anonym wird, hängt aus meiner Perspektive eher damit zusammen, dass wir uns nicht mehr damit identifizieren können.

 

Zu „Endlich“ gehört auch ein Magazin. Wer gehört zu deiner Zielgruppe? Möchtest du dich auf Bestattungsunternehmen spezialisieren oder richtet sich das Magazin an private Leser*innen?

Vielleicht sollten wir kurz noch einmal auf die Idee hinter dem Magazin eingehen. Bei dem Magazin geht es vor allem darum, Inspiration zu schaffen. Also Hinterbliebene oder Vorsorgende damit zu konfrontieren, wie Bestattungen heutzutage aussehen können. Es hilft, Inspiration zu finden, Beispiele darzustellen, wie Bestattung abseits des Mainstreams eigentlich aussehen kann. Die Aufgabe des Marktplatzes ist es dann, die Produkte, Orte und Dienstleistungen aus diesen Geschichten zugänglich zu machen. Das heißt, wenn in der Geschichte ein besonderer Friedhof vorkommt, auf dem man abends spät bestatten kann, dass man dann auch weiß, wo der Friedhof ist. Wenn es Dienstleister*innen sind, die viele Dinge möglich machen, die erstmal unmöglich scheinen, dann kann ich diese über den Marktplatz kontaktieren und in Anspruch nehmen. Das ist das Konzept des Zusammenspiels von Magazin und Marktplatz.

Ich will auf jeden Fall ein Endkonusment*innen-Produkt bauen und möchte etwas machen, das den Menschen hilft, die in der Situation sind jemanden bestatten zu müssen. Das sind dann letztlich die Endverbraucher*innen, wobei der Begriff in diesem Kontext etwas schwierig ist. Aber ich möchte Menschen wie dir und mir die Möglichkeit geben, sich mit den Angeboten der Bestattungskultur, mit denen wir uns identifizieren können und die in unser Leben oder in die Leben unserer Verstorbenen passen, auseinanderzusetzen. Ich sehe aber auch ganz klar das Problem bezüglich der Frage, wann sich denn die Zielgruppe mit dem Thema beschäftigen soll. Und eigentlich wollen sich wenige Leute zu Lebzeiten mit diesem Thema beschäftigen, weil das etwas ist, das mit Trauer, Schmerz und Abschied verbunden ist. Das ist halt kein Wellbeing-Thema wie der Kauf von Klamotten oder Autos. Deswegen bleibt es auch ein Weg, über die Stakeholder, also z. B. die Bestattungsunternehmen oder Palliativ- und Pflegeeinrichtungen an die Zielgruppe heranzukommen, also das Magazin so zu gestalten, dass es auch im Fall der Fälle noch nutzbar ist.

Mit deiner Idee gehst du in eine Nische rein, die sehr geprägt ist von Ritualen, Brauchtum und althergebrachten Vorgehens- und Gestaltungsweisen. Wenn ich an die Beerdigungen denke, die ich besucht habe, war alles sehr christlich geprägt, auch wenn die verstorbene Person selbst bekennende*r Atheist*in war. Geht es dir mit „Endlich“ auch darum, einen Impact zu erzeugen, indem du einen gesellschaftlich-eingeschliffenen Umgang mit Trauer und Tod aufbrichst und einen neuen Umgang mit Trauer schaffst?

Wenn wir uns jetzt nur den Bereich der Bestattungskultur anschauen und hier die Frage stellen, ob ich etwas verändern will, dann würde ich „nein“ sagen. Ich habe nicht den Anspruch, mit dem Projekt Leuten ins Umdenken zu bringen oder an Dingen zu rütteln. Es geht mir eher darum, Dinge, die sich schon verändert haben und die Möglichkeiten, die es heute schon gibt, sichtbar zu machen und zu stärken. Mir geht es darum, die Brandbreite an Bestattungsmöglichkeiten, die wir haben, zu ergänzen, aber nichts abzulösen. Also eher ein individueller Impact anstelle eines gesellschaftlichen Umschwungs.

Es geht dir also schon um einen Impact, aber auf einer anderen Ebene. Du schlägst da quasi eine leisere Gangart an, in dem eher auf persönlicher Ebene eine neue Möglichkeit für den Umgang und der Auseinandersetzung mit Tod und Trauer geschaffen wird. Deine Geschäftsidee bewegt sich in einem sehr emotionalen Bereich, bei dem über das Thema Geld vielleicht etwas leiser gesprochen wird, als bei anderen Gründungsideen. Trotzdem wollen wir das nicht verschweigen: Wie funktioniert das Geschäftsmodell, das hinter „Endlich“ steht? Wie planst du, Umsätze zu generieren?

Da sind wir wieder bei dem Impact-Thema. Ich kam nie aus der Ecke, dass ich ein Unternehmen gründen wollte, um Geld zu verdienen. Es geht mir eher darum, Dinge sichtbar zu machen und anderen Leuten in ihrem Business unterstützend zur Seite zu stehen. Ich möchte nicht, dass die Endnutzer*innen, also Angehörige von Verstorbenen und Hinterbliebene für mein Angebot bezahlen. Der Content ist frei zugänglich auf der Website, die Buchung von Dienstleistungen über meine Website kostet die Nutzer*innen nichts. Letztlich bleibt die Bestattungsbranche ein ganz normaler kaufmännischer Bereich, die Dienstleistungen und Handwerksleistungen anbieten. Und diese müssten dann dafür bezahlen, wenn sie über mein Angebot Kund*innen finden sollten. Darüber hinaus wird es den Bereich Sponsored Content geben. Das heißt, ich erzähle die Geschichten im Magazin und nur die Produkte, Orte und Dienstleister*innen aus diesen Geschichten erscheinen dann auf dem Marktplatz. Durch immer neue Geschichten füllt sich auch der Marktplatz immer weiter auf.

Mit dem Gewinn des innofab_ Ideenwettbewerbs hast du die Möglichkeit finanzielle Unterstützung für die Weiterentwicklung deines Produkts zu nutzen. Was sind für dich und auf dem „Endlich“-Weg die nächsten Schritte?

Der innofab_ und das KickStart@FH-Stipendium geben mir die Möglichkeit, genau die fehlenden Kompetenzen einzukaufen. Da geht es dann darum, das Geschäftsmodell weiter voranzubringen, es zu verifizieren, aber vor allem auch die Design- und Ästhetikaspekte mit hineinzubringen. Ziel ist es, am Ende der sechs Monate einen fertigen Prototypen zu haben, in dem zwei oder drei Geschichten im Magazin veröffentlicht sind und entsprechende Produkte auf dem Marktplatz eingebunden sind. Ich nutze das Stipendium für den Bau eines Prototyp und für die Einholung von Know-how, was über den klassischen Beratungsbedarf hinausgeht. Hier geht es dann auch konkret um passende Verträge, AGBs, das passende Steuer- und Geschäftsmodell.

Wir danken Peter Kessel ganz herzlich für die Einblicke! Wir sind gespannt, wie es mit „Endlich“ weitergeht und freuen uns, ihn auf seinem Weg ein Stück begleiten zu dürfen. Für alle, die mehr über Endlich – Neue Bestattungskultur erfahren möchten, hier geht es zur Website:

Bildmaterial: Felix Grimm, Peter Kessel